„Ich habe mich schon immer als Kunstvermittler verstanden“

02.08.2021

Hans Gercke zum 80. Geburtstag - Gespräch mit dem ehemaligen Direktor des Heidelberger Kunstvereins

36 Jahre lang stand Professor Hans Gercke an der Spitze des Heidelberger Kunstvereins. Er begann 1970 als künstlerischer Leiter und wurde 1980 zum ersten hauptamtlichen Direktor der Institution ernannt. Viele seiner Ausstellungen sind bis heute unvergessen, vor allem die Großprojekte "Der Baum" (1985), "Blau - Farbe der Ferne" (1990) oder "Der Berg" (2002). Der Vater von vier Kindern wurde 1941 in Kehl am Rhein geboren, besuchte in Heidelberg Schule und Universität und lebt heute in Neuenheim. Julia Behrens hat sich anlässlich seines 80. Geburtstags mit ihm unterhalten.

Als Sie sich vor 15 Jahren als Kunstvereinsdirektor verabschiedeten, waren Sie 65 Jahre alt. Doch Ruhestand scheint Ihre Sache nicht. Wo sind Sie heute in beruflicher Hinsicht anzutreffen? Noch während meiner Zeit im Kunstverein bekam ich einen Lehrauftrag an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg. 2003 erhielt ich eine Honorarprofessur und bin bis heute mit Studierenden unterwegs. Dabei versuche ich den Blick für ästhetische Zusammenhänge zu schärfen, zum Beispiel mit der Frage, ob sich neue Architektur "anständig" zum Bestand verhält. Ich habe mich schon immer weniger als Wissenschaftler denn als Kunstvermittler verstanden (lacht).

Es gibt außerdem zwei langfristige kuratorische Projekte sowie Einladungen zu Vorträgen.

In den letzten Jahren sind Sie auch als Autor von Publikationen zu sakraler Kunst und Architektur in Erscheinung getreten. War dies immer schon ein Interessenschwerpunkt?

Ja, da wurde ich durch meinen katholischen Hintergrund geprägt. Große Architektur findet sich meiner Meinung nachvorwiegend in Sakralbauten: Neben einer Kathedrale verblasst das schönste Rathaus. Die christliche Vergangenheit manifestiert sich in der Architektur, die zusammen mit der ihr zugeordneten Malerei und Skulptur, aber auch mit der Musik ein Gesamtkunstwerk darstellt. Ich habe ein paar Semester Orgel studiert und spiele gern morgens - quasi als Frühsport- Orgel, zum Beispiel in St. Raphael hier in Neuenheim.

Ihre berufliche Laufbahn begann ja interessanterweise bei der Rhein-Neckar-Zeitung. Ja, ich habe in Heidelberg und zeitweise auch in Padua Kunstgeschichte sowie Archäologie und Musikwissenschaften studiert und begann während des Studiums als freier Mitarbeiter für das Feuilleton der RNZ Kunst- und Konzertkritiken zu schreiben.

Etwas später wurde mir vom damaligen Feuilletonchef Kuntz mit dem Satz "Wir brauchen Sie" eine feste Redakteursstelle angeboten. Ich war dankbar, denn der Zufall wollte es, dass meine Frau und ich gerade beschlossen hatten zu heiraten.

1970 wurde ich dann von dem damals scheidenden 1. Vorsitzenden des Kunstvereins, Jens Christian Jensen, gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, die künstlerische Leitung zu übernehmen.

Der Kunstverein war gerade in den70er Jahren nicht nur ein Ort für die Präsentation innovativer Kunstformen, sondern auch ein Forum für hitzige Debatten um lokalpolitische Entscheidungen. Wie hat das Ihre kuratorische Arbeit beeinflusst?

Ich persönlich habe mit den linken Strömungen sympathisiert, musste aber aufpassen, dass ich es mir nicht mir der Stadt verderbe. Doch vor allem in Bezug auf die Architektur haben wir dann eingegriffen. Der damalige Oberbürgermeister Zundel hätte im Rahmen seiner Stadtsanierung am liebsten die halbe Altstadt abgerissen. Wir reagierten mit zwei kritischen Ausstellungen, in denen alt und neu gegenübergestellt wurde. Reinhold Zundel schäumte vor Wut, kam aber zu den Eröffnungen, was ich ihm hoch angerechnet habe.

Ich denke, wir konnten schon dazu beigetragen, dass in Bezug auf den Umgang mit der Altstadt ein anderes Bewusstsein in der Heidelberger Bevölkerung entstanden ist.

Anlässlich der Einweihung des Kunstvereinsneubaus 1990 wurde die legendäre Ausstellung "Blau - Farbe der Ferne" eröffnet, zu der über 120.000 Besucher kamen. Waren Sie selbst von dem Erfolg überrascht? Ja, das hat meine kühnsten Erwartungen übertroffen. Aber ich hatte ein tolles Team vor Ort, Professor Riedl vom Kunsthistorischen Institut hat mit Arbeitsgruppen mitgewirkt und es gab ein Kuratorium, zu dem einige wohlhabende Geld- und Leihgeber gehörten. Einer davon empfing mich in seinem Haus und fragte im schönsten Dialekt: "Wolle se en Manet, en Monet oder en van Gogh?" Ich war sprachlos und fand bei ihm tatsächlich passende Gemälde. Auch von Yves Klein konnten wir schöne Bilder zeigen, nachdem wir Kontakt zu dessen Nachlassverwalter aufgenommen hatten.

Generell haben Sie eine Mischung aus bedeutenden lokalen, vor allem aber überregionalen und internationalen Positionen gezeigt. Wie sehen Sie die heutige Entwicklung? Als ich den Kunstverein übernahm, war er in erster Linie regional geprägt. Das habe ich stark reduziert und musste mich häufig dafür rechtfertigen. Als ich die ersten Performances zeigte, meinten einige, das sei das "Ende des Kunstvereins". Es war mir aber wichtig, neue Formate und internationale Künstlerinnen und Künstler nach Heidelberg zu bringen. Aufgrund meiner Studien der ostasiatischen Kunstgeschichte habe ich immer wieder auch zeitgenössische Kunst aus diesem Kulturkreis gezeigt und in dem Zusammenhang China, Japan und Südkorea bereist. Aus dem Interesse an der Musik resultierte eine Reihe von Ausstellungen zum Thema Klangkunst, und meine Vorliebe für Architektur hat dazu geführt, dass insgesamt viele Ansätze zu sehen waren, die mit "Raum" zu tun hatten.

Im Grunde besteht kein großer Unterschied zu den jüngeren Programmen des Kunstvereins, die ihrerseits die neusten Strömungen aufgreifen und das Publikum mit ungewöhnlichen Ansätzen herausfordern.

Unter dem Titel "Wolle se en Manet, en Monet oder en van Gogh?" im Feuilleton der Rhein-Neckar-Zeitung am 02. August 2021